



Andi LeThürm, o.T. (aus der Serie „Natur in ihrer schönsten Form“, 2011)
Christoph Tannert im Interview mit dem ZZF
Als Kurator der Ausstellung Leipzig.Fotografie seit 1839 führte Christoph Tannert exklusiv die Mitglieder des ZZF e. V. im Museum der bildenden Künste. Das ZZF stellte ihm 10 Fragen zur Ausstellung und zur künstlerischen Fotografie.
Wie sind Sie zu diesem „Mammutprojekt“ (Leipzig.Fotografie seit 1839 in drei Institutionen der Stadt) gekommen und was war ihr erster Gedanke zu diesem Vorhaben?
C.T. Die ersten Kontakte erfolgten über Künstler, dann über Thomas Liebscher und den Passage Verlag. Schließlich sprach mich die Kulturstiftung Leipzig an, die ursprünglich Träger des Projekts werden wollte. Schlussendlich wurde ich Partner der drei veranstaltenden Museen. Von Anfang an war mir klar, dass die Idee für eine solche Ausstellung plus Katalog einmalig ist und dass es wohl ein solch außergewöhnliches Unternehmen nicht so bald wieder geben würde. Ich bin in Leipzig geboren, habe bis heute viele Kontakte in meine Heimat. Schon aus lokalpatriotischen Gründen konnte ich nicht absagen.
Wie erfolgte die Zusammenarbeit mit den Co-Kuratoren?
C.T. Ohne die Mitstreiter in den Museen mit ihrem Spezialwissen wäre eine solche Tiefenbohrung nicht denkbar gewesen. Ich habe die Auseinandersetzung mit den durchaus streitbaren Kollegen genossen. Vieles erhellte sich erst durch das Hinterfragen der Vorschläge und der Überlegungen der Co-Kuratoren, die mich mitgerissen haben, so wie ich glaube, aus der Außenperspektive ein notwendiges Korrektiv gewesen zu sein.
Welche Kriterien wurden für die Auswahl der Künstler und der Bilder angesetzt?
C.T. Unsere Kriterien waren durchaus vielfältig. Wir haben immer nach diversen Qualitäten gleichzeitig ausgesucht – etwa nach künstlerischen, ästhetischen, dokumentarischen, medienhistorischen, stadt- und zeitgeschichtlichen, architekturrelevanten, kontextuellen, diskursorientierten, genrespezifischen Aspekten. Aber natürlich auch mit Blick auf die Inszenierung der Ausstellung und unter Beachtung der Abbildmöglichkeiten des Buches zur Ausstellung, genauso wie nach Eignung bestimmter Bilder für Werbung und Öffentlichkeitsarbeit. Zusätzlich hatten wir im Blick, welche vergleichbaren Ausstellungen und Fotobücher es gegeben hat, um thematische Überschneidungen zu betonen oder zu vermeiden.
Was macht für Sie künstlerische Fotografie aus, wie würden Sie diese in Abgrenzung zu anderen fotografischen Bereichen definieren?
C.T. Ich bin eher kein Vertreter der Abgrenzung. Mir liegt gerade an der Grenzüberschreitung und an der Möglichkeit, in Ausstellungen Sonderwege und Positionen des Auf- und Umbruchs ebenso zu zeigen wie das, was Erwartungen bestätigt. Da sich die Dinge immer wieder neu definieren, weil sich unser Wahrnehmungs- und Erlebnisraum ununterbrochen entgrenzt, ist globale Allgegenwart im Medium der Fotografie subjektiv und objektiv ständig neuen Herausforderungen unterworfen. „Journalistisch-dokumentarisch“ oder „künstlerisch“ – das sind heute keine zeitgemäßen Gegensatzpaare mehr. Grundsätzlich arbeite ich darauf hin, dass das Publikum Fragen stellt und nicht nur die Fachspezialisten.
Am 15.5.2011 gibt es die Abschlussdiskussion im MdbK zum Thema „Gibt es eine Leipziger Schule in der Fotografie?“ Können Sie in fünf Sätzen sagen, welche Kriterien Ihrer Meinung nach erfüllt werden müssen, um als eigenständige Strömung/Schule in der Fotografiegeschichte verankert zu werden?
C.T. Da fragen Sie den Falschen. Was unsere Ausstellung bietet, ist viel, viel mehr als sich unter diesem engen Schulbegriff subsumieren ließe. Sie sehen schon am Konzept, dass ich gegen eine Engführung argumentiere. Die mehrfach vorgebrachte Kritik, unsere Ausstellung wäre zu ausgeweitet, zu groß, eine „Leistungsschau“, ist von der Angst gezeichnet, das Leipziger Erbe der 1970er Jahre könnte mit den Diversitäten der Zeitläufe vermischt werden. Aber genau darauf kommt es an. Wir müssen von heute aus ohne Scheuklappen denken.
Was sagen Sie zu der Kritik, dass in der Ausstellung zu viel gezeigt und zu wenig erklärt wird? (Bsp. Artikel von Robert Schimke, TAZ 16.03.2011, www.taz.de/1/leben/kuenste/artikel/1/fotos-made-in-leipzig)
C.T. Diese Kritik nehme ich mir zu Herzen. Es zeigt sich, dass selbst das umfangreiche und mit unendlicher Mühe erarbeitete Katalogbuch nicht ausreicht, um die Fragen der Besucher zu beantworten. Um das Verständnis für internationale Kunstzusammenhänge in Leipzig zu fördern (und hier schließe ich die Felder des Fotografischen ein), muss in Zukunft noch sehr viel getan werden.
Wie zufrieden sind Sie mit der Resonanz der Besucher und in der Presse?
C.T. Sehr zufrieden. Besonders der eintrittsfreie Tag wurde vom Publikum genutzt. Aber ich hätte mir gewünscht, dass bessere Bedingungen hätten geschaffen werden können, die Ausstellung weiterwandern zu lassen.
Welche Leipziger Fotografen/innen beeindrucken Sie zur Zeit am meisten und warum?
C.T. Ob Leipziger oder nicht, ich sehe großes Potential in der jüngsten Generation. Dabei sind es inbesondere Frauen, Absolventinnen der HGB, von denen wir in Zukunft hören werden. Ganz ohne Einsatz von Lärm, ohne Provokationsgestus gelingt ihnen etwas durchdringend Ergreifendes.
Spielen diese KünstlerInnen eine große Rolle in Ihren aktuellen Projekten und Themen?
C.T. Noch nicht. Ich gehöre nicht zu den kuratorischen Schnellkochtöpfen. Bilder brauchen Inkubationszeit.
Sie wurden ja im Kreuzer-Artikel der Februar-Ausgabe mit den Umständen bei F/STOP und dem ZZF e.V. in Verbindung gebracht. Welche Chance sehen Sie für den Verein?
C.T. Der Verein hat Vieles angestoßen und ich hoffe, dass das Engagement der Mitglieder ausreicht, auch in Zukunft auf dem Feld der Fotografie aktiv zu bleiben. Es gibt noch so unendlich viel zu entdecken, zu promoten, vorzuschlagen, zu debattieren ... Es kommt dabei darauf an, nicht immer gleich die Weltverbesserungsfrage zu stellen, sondern ständig neu zu fragen: Wie können wir uns vom eigenen Argumentationsrahmen distanzieren? Zukunft ist jetzt!
Vielen Dank für das Interview.
< Fotobuchfestival Kassel 2011Von: Peggy Hempel